Anne (auch: Anna; Nannette) Emmerich (geb. um 1802 – nach 1860) war eine Münchner Gitarristin, die zunächst als Wunderkind, später zudem auch als Klavierlehrerin, Gitarrenlehrerin und vereinzelt als Pianistin in Erscheinung getreten ist. Ihre Ausbildung an der Gitarre erhielt sie vom Gitarrenvirtuosen Carmelo, zudem erhielt sie kurzzeitig Unterricht bei Mauro Giuliani. In einer Rezension wird eine Verwandtschaft zur Musiker*innen-Familie Bohrer angedeutet: Demnach verdankt Emmerich ihre erste musikalische Ausbildung einer Tante, der „Mlle. Bohrer, eine Schwester der berühmten Gebrüder Bohrer, deren Name in allen Hauptstadten Europa’s mit der höchsten Auszeichnung genannt wird“ (Gesellschaftsblatt für gebildete Stände, 1813 Sp. 765). Offenbar sind hier die Brüder Anton (1783-1863) und Maximilian Bohrer (1785–1867) gemeint, mit denen Emmerich später mehrfach in Konzerten aufgetreten ist.
Anne Emmerich war zwar lediglich lokal in München aktiv, dafür gelang es ihr, sich als Musikerin dauerhaft in der Stadt zu etablieren. Sie konzertierte in einigen bekannten Münchner Konzertsälen, darunter im kleinen und großen Museumssaal (1813, 1814, 1818, 1822), im k. Hof- und Nationaltheater (1821, 1830), im Gampenrieder Saal (1831) sowie im großen Saal des Odeons (1835). 1832 und 1836 werden in der Presse Schüler:innen-Konzerte erwähnt, die damit ihre Tätigkeit als Klavier- und Gitarrenlehrerin belegen. Ein vielleicht letztes öffentliches Konzert fand 1860 im Rahmen der Feier der 50-jährigen Stiftung der musikalischen Akademie statt. Unklar bleibt jedoch, welches Werk zu diesem Anlass vorgetragen wurde, die aufgeführte Concertante für Violin, Pianoforte und Guitarre von Johann Nepomuk Hummel ist offenbar nicht existent.
Die Konzertrezensionen in der Presse sind teilweise geradezu euphorisch, spiegeln mitunter aber auch übliche Debatten dieser Zeit wider: Die Gitarre als solistisches Instrument wird abgelehnt, die Größe von Konzerträumen wird problematisiert. Topoi von Anmut und Jugendlichkeit im Kontext ihres Wunderkinddaseins werden aufgegriffen. Besonders hervorzuheben sind zwei Konzerte: Am 27. November 1813 debütierte Emmerich im Konzert ihres Lehrers Carmelo – ein Konzert, das in mehren Zeitungen begeisterte Reaktionen und im Gesellschaftsblatt für gebildete Stände sogar eine fünf Spalten (ca. 1500 Wörter) umfassende Besprechung hervorruft. Überwiegend werden hier Carmelos Künste hervorgehoben, aber auch das Wunderkind Emmerich wird wortreich, sogar in Form eines Gedichts, gewürdigt:
„Wir hörten gestern Variationen auf der Guitarre von ihm, die er mit seiner elfjährigen Schülerin, Mlle. Emmerich, vortrug, und mußten den Meister doppelt, nämlich an und für sich und zugleich auch in seiner Schülerin bewundern. Beyder Spiel war mehrmals durch ein allgemeines Bravo unterbrochen, und am Schluße mit dem lautesten Beyfall der Hände und Stimmen gekrönt. Die Variationen waren von Hrn. Carmelo componirt und von ausnehmender Schönheit. Man darf sie ohne Uebertreibung für das Schwerste halten, was je für dieses Instrument componirt worden ist, […], so mußte doch die Fertigkeit und der feste Tact, womit seine junge Schülerin mit ihm in die Wette eiferte, alle Erwartung übertreffen. In einem Terzette für die Guitarre, Flaute und Viola von Call, entwickelte uns Mlle. Emmerich zuerst ihre große Fertigkeit auf der Guitarre, und überraschte alle Zuschauer durch ihr anmuthiges, seelenvolles Spiel. […] Das Spiel der Mlle Emmerich auf der Guitarre hat schon jetzt eine der höchsten Bildungsstufen erreicht. Sie besitzt Ausdruck im Vortrag, Gewandtheit des Spieles – und vor Allem, eine seltene Festigkeit im Takte. Alles dieses, bey noch so zartem Alter, setzt nothwendig die glänzendsten Anlagen für Musik voraus und rechtfertigt die oben angeführte Behauptung, daß sie in kurzer Zeit denselben außerordentlichen Grad von Vollkommenheit auf der Guitarre erreichen wird, den ihr berühmter Meister Hr. Carmelo erstiegen hat. Sie genoß den Unterricht des letzten erst in dreyßig Lectionen und es sind nur erst anderthalb Jahre, seit sie überhaupt dieses Instrument zu lernen begann. […] Ihre Erscheinung war von außerordentlicher Wirkung, wie es das enthusiastische Lob, das ihr einstimmig geworden, auf die glänzendste Weise bewiesen:
Fromm war ihr Blick und sittsam die Gebehrde,
Und zart und rein erklangen ihre Saiten;
Ihr Wesen, all zu hehr für diese Erde,
Schien auf ein schönres Heimathland zu deuten.
Doch wie sie prangt in frischer Jugendblüthe,
Ist sie gleich und der Sinnen Welt entstammet,
Nur in dem reinen, kindlichen Gemüthe,
Da wohnt der Gott, der sie zur Kunst entflammet.“
(Gesellschaftsblatt für gebildete Stände 1813, Sp. 762 – 767)
Ein weiteres Konzert mit starker Presseresonanz fand 1830 im Königlichen Hof- und Nationaltheater an der Residenz im Rahmen einer Vorführung des Improvisators M. Langenschwarz statt. Dieser improvisierte einen Text in Reimform zu zufällig vorgegebenen Themen über eine Dauer von 45 Minuten. „Verherrlicht war der Abend […] durch das wunderliebliche Spiel der Demoiselle Emmerich, welche den Improvisator während seines mündlichen Vortrages jedem Gefühle der Dichtung anpassend mit der Guitarre begleitete“ (Erste Improvisation von Langenschwarz in München. Im Königlichen Hoftheater an der Residenz am 19. July 1830. Stenographisch aufgenommen und herausgegeben von F. X. Gabelsberger, 1830, S. VI).
Als Repertoire von Anne Emmerich werden Werke von Mauro Giuliani erwähnt, darunter nicht weiter benannte Variationen von Giuliani für die Guitarre mit Orchesterbegleitung und ein Duett für Guitarre und Mandoline, außerdem Kammermusik von Leonard von Call sowie das nicht weiter bestimmbare (und nicht existente?) Duett-Conzertante [mit Orchesterbegleitung] für Guittare und Violine von Johann Nepomuk Hummel.
Mauro Giuliani widmete ihr 1822 seine Grandes variations pour la guitarre seule sur la romance favorite; oeuvre 104. Auch der österreichische Komponist und Gitarrist Wilhelm Schmoelzl widmete Anne Emmerich mindestens eine Komposition: Introduction und Variationen über einen Solo-Steyrer Jodler op. 4. Zu demselben Thema verfasste Schmoelzl einen weiteren, in Ausschnitten identen Variationenzyklus (op. 2), den er ebenfalls Emmerich widmete. Auch bei Schmoelzls op. 3, den Polonaises in A-Dur wird Anne Emmerich als ermittelte Widmungsträgerin aufgeführt.
Anne Emmerich selbst hinterließ der Nachwelt nach bisherigem Kenntnisstand nur eine Komposition: ihre Six Variations pour la guitare seule, gewidmet einer Madame Frédérique de Pachman, née B..rner. Die Komposition stellt einigermaßen hohe Anforderungen insbesondere an die Geläufigkeit, an virtuoses Skalen- und Lagenspiel, Oktavgänge und rhythmische Präzision. Was Anne Emmerich beim Vortrag von Giuliani-Variationen gelang, nämlich bei „schönem Vortrage, Anmuth und Geschmack“ (Flora. Ein Unterhaltungsblatt 1821, S.311) sowie „Eleganz“ (Münchener politische Zeitung 1821, S. 676) zu zeigen, könnte ebenfalls ein Anspruch an die Interpretation von Emmerichs Variationswerk sein.
Quellen:
Abend-Zeitung 1830, S. 916
Damen-Zeitung – ein Morgenblatt für die elegante Welt 1830, S. 715-719
Der bayerische Volksfreund 1832 Sp. 231f
Flora. Ein Unterhaltungsblatt 1821, S.311; 1822, S. 248; 1831, S. 232, 256
Gesellschaftsblatt für gebildete Stände 1813, Sp. 762 – 767; 1814, Sp. 26f
Königliches Hof- und Nationaltheater 1822, NP
Münchener Conversations-Blatt, 21.07.1830
Münchener politische Zeitung 1818, S. 265; 1821, S. 676; 1835, S. 2004; 1836, S. 1276
Erste Improvisation von Langenschwarz in München. Im Königlichen Hoftheater an der Residenz am 19. July 1830. Stenographisch aufgenommen und herausgegeben von F. X. Gabelsberger, 1830, S. VI
Fest-Concert zur Feier der 50jährigen Stiftung der musikalischen Akademie am 1. November 1860, München 1860.
Carl Wilhelm Schmoelzl: Introduction und Variationen über einen beliebten Solo Steyrer Jodler: Bravour Parthie: für eine Gitarre componirt und gewidmet dem Fräulein Anna Emmerich, op. 2. https://katalog.uni-regensburg.de/vufind/Record/DE-604.BV050094169
Carl Wilhelm Schmoelzl: Polonoise pour la Guitarre seule composée et dedié à Monsieur George Schaezler par Guillaume Schmoelzl, op. 3. https://katalog.uni-regensburg.de/vufind/Record/DE-604.BV050094170
Carl Wilhelm Schmoelzl: Introduction und Variationen über „einen Solo=SteyrerJodler“ für eine Gitarre componirt und gewidmet dem Fraeulein Emmerich von Carl Wilhelm Schmoelzl, op. 4. https://katalog.uni-regensburg.de/vufind/Record/DE-604.BV047674114
Digitalisat: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00150775?page=,1
Mauro Giuliani: Grandes variations pour la guitarre seule sur la romance favorite; oeuvre 104– composées et dediées a Mademoiselle Anne Emmerich, München 1822.
Digitalisat: https://vmirror.imslp.org/files/imglnks/usimg/d/d7/IMSLP921201-PMLP130332-giuliani_op104.pdf
Anne Emmerich: Six Variations pour la guitarre seule composées et dediées à Madame Madame Frédérique de Pachman née B…rner. Digitalisat: https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb00091943?page=,1
© Jannis Wichmann, 2026